Räume zum Klingen bringen: Die Arbeiten von Carola Bark

Unter allen Verbindungen zwischen den verschiedenen Künsten ist diejenige zwischen der Architektur und der Musik die innigste. Beide haben mit Einteilung, mit Proportionen, mit Rhythmus zu tun. Beide operieren in Räumen – seien es die physischen Räume, in denen das alltägliche Leben stattfindet, seien es die akustischen Räume, die unmittelbar in die mentalen Räume der Fantasie und der Erinnerung übergehen. Und beiden kann man sich nicht entziehen. Ein Gemälde verschwindet, sobald man die Augen schließt. Die Ohren hingegen lassen sich nicht verschließen, der Tastsinn nicht ausschalten.

Carola Bark hat sich für die bildende Kunst entschieden, aber ihre Kunstwerke vermitteln den Eindruck, dass sie ebenso gut auch Architektin oder Musikerin hätte werden können. Sie hat ihr Instrumentarium derart präzise geschärft – vereinfacht gesagt ist es die Überschneidung von zwei geraden Streifen im rechten Winkel – dass sie es nun auf die verschiedensten Gegenstände und Situationen anwenden kann. Die Visuellen Partituren bilden gleichsam die Basis für ihre Erkundungen. Seit Ende 1999 ist die Sammlung von kleinformatigen Zeichnungen und Collagen auf über hundert Stück angewachsen. Bark stellte einen Teil davon en bloc aus, als ob sie noch einmal hätte tief Atem holen wollen, bevor sie sich 2001 mit dem Projekt Der Klang Visueller Partituren im Raum aufmachte, ganz neue Räume damit zu erkunden. Mühelos sprengte sie die Grenzen der Zeichnung und markierte mit Kohlestrichen und Klebestreifen architektonische Details wie Wandklappen, Treppenhäuser, oder Materialien auf einer Baustelle. Diese unbetitelten, ephemeren Interventionen an bewusst entlegenen Orten stehen in unmittelbarer Beziehung zu den nummerierten Wandobjekten, in denen sie ihre Untersuchungen gleichsam komprimiert hat. Beide Stoßrichtungen zeugen von der großen Reichweite einer Kunst, der es auf Anhieb gelingt, die Umgebung in Schwingung zu versetzen, wo immer sie auftritt. Die Türen stehen weit offen.

Philip Ursprung, Zürich 2002

Eine Begegnung mit den Arbeiten Carola Barks

Grundlage des Oeuvre von Carola Bark ist eine überwiegend graphische Gitterstruktur aus Linien. Dieses scheinbar einfache Grundmuster erweitert sich zu einem komplexen Gebilde mit einer Vielzahl von Ebenen, wenn bestimmte Variablen verändert werden. Diese Variablen sind hier die Dicke, der Verlauf, die Länge, die Farbigkeit der einzelnen Linien wie auch der Veränderbarkeit des Trägermaterials und der Kontext der Arbeiten.

Trägerelemente sind nicht nur Papier, Pappe, Wand, Holz, sondern auch Böden, Gebäudewände, Treppenaufgänge, Brunnen und Abfallbehälter.

In den Arbeiten Carola Barks wird ein großer Reichtum an Assoziationsmöglichkeiten aufgeschlossen, der aus dem Abstrakten heraus den Blick auf die Welt eröffnet: Striche, Lineaturen unterschiedlicher Dicke und Dichte, Leichtigkeit und Schwere eröffnen weite im weitesten Sinne landschaftliche Ausblicke und rhythmische, räumliche Staffelungen genauso wie sie auch gefängniszellenhafte Gitterblockaden bilden können. Im Verhältnis zwischen dem Ort der Zeichnung und der Umgebung, z.B. einer Art Zeichnung aus Klebeband in einem Treppenhaus an der Wand entstehen neue Realitäten, die das Ergebnis von einem gewöhnlichen Tafelbild abheben. Das Ungewohnte der Kombinationen und die lapidare, oft trockene Vorgehensweise führen zu neuen Denkweisen und Raum/Ortsvorstellungen beim Betrachter und erschließt damit Ungedachtes.

Die Farbigkeiten sind zurückgenommen ins Grau, Weiß, Schwarz sowie natürliche Erdigkeiten: Ocker, Beige.

Manchmal entstehen Arbeiten ad hoc im Vorübergehen, aus der Wahrnehmung heraus z.B. an einer Hauswand in Adlershof, bei der ein horizontaler Strich mit Klebeband ausreicht, um zusammen mit der Wand eine neue dreidimensionale entmaterialisierende Zeichnung entstehen zu lassen.

Neben den Zeichnungen ist das Angehen des realen Raumes mittels Farbe, Klebeband und Schnur eines der wichtigen Projekte der Künstlerin in den letzten drei Jahren gewesen. Wichtig scheint mir dabei das Aufladen des Raumes mit einer Atmosphäre durch den künstlerischen Eingriff: Mit nur wenigen Mitteln, diese jedoch sehr präzise eingesetzt, gelingt es Bark, sinnliche Ereignisse stattfinden zu lassen, die ich des öfteren sogar zu hören glaube wie bei der Fußbodenarbeit im Alexander von Humboldt Haus 2001 in Bayreuth. Realraum und erzeugter Raum durchdringen sich.

Berührungspunkte mit Vorgehensweisen von Ryman, Sandback und Martin ergeben sich. Mit letzterer hat Carola Bark die Präzision der Unvollkommenheit gemein, die einen Gutteil des Charakters der Zeichnungen ausmacht: Nicht Sterilität, sondern Lebendigkeit, die ihre eigene Präzision und Abgeschlossenheit hat. Letztendlich geht es um Schärfung der Wahrnehmung.

Andreas Schmid, Berlin 2004

„…mich interessiert, was eine Linie macht.“

Zu den Zeichnungen von Carola Bark

In der Zeichnung gerader Linien hat Carola Bark ihr elementares Medium gefunden. Dabei bleibt sie nicht der Strichzeichnung auf Papier verhaftet; stets auf der Suche nach neuem Material zur Präzisierung der eigenen Bildsprache erweitert die Berliner Künstlerin die Zeichnung in den realen dreidimensionalen Raum. Zu ihren zeichnerischen Mitteln zählen Graphitstifte ebenso wie farbige Bindfäden, Schnüre und Klebebänder aus Baumärkten oder Kurvenbänder, die noch aus der früheren Labortätigkeit der ausgebildeten technischen Assistentin stammen. Als Trägermaterial dienen ihr zusätzlich zum weißen Papier auch Wandklappen, freie Wand- und Bodenflächen im Innen- oder Außenraum.

Barks Materialien und Bildfindungen stehen der Architektur wie der Musik nahe. So vermögen die seit 1999 entstehenden kleinformatigen Visuellen Partituren, für die sie mit Graphit-, schwarzem Filzstift und Klebeband feine parallele Linien und Gitterstrukturen in rhythmischen Variationen auf das quadratische Papier setzt, durch Überlagerungen und Verdichtungen musikalische Qualitäten zu entfalten. Die Assoziationen zur Musik, zu Notenbildern und Klangstrukturen sind vielfältig sowie auch die Bildtitel fiktiver Musikergrößen wie King George (2001) oder das Tonband in Betsy Bevans (2001) an Musik denken lassen.

Jüngeren Serien liegen die Beschäftigung mit Zeichnungen von Gartenarchitekturen zugrunde oder mit Schottenmustern, angeregt durch einen Stipendiumsaufenthalt der Künstlerin in Glasgow.

In Burns Check (2002), der Titel spielt auf den Tartan des schottischen Dichters Robert Burns an, dehnt Bark die Zeichnung, für die sie das Klebeband direkt auf die Wand montiert und Schnüre zwischen Boden und Decke gespannt hat, in den Galerieraum aus. Indem die Grenzen zwischen Bild-, Architektur- und Betrachterraum aufgehoben sind, lässt sie uns unmittelbar an der Raumzeichnung teilhaben. Mal folgt das Auge aus der Nähe der einzelnen Schnur bis zu ihrer Verankerung in der Wand, mal nimmt es die Linien aus der Distanz als rhythmische Gliederung der Wandfläche oder optische Erweiterung des Raumes wahr. Visuelle und taktile Wahrnehmung werden gleichermaßen affiziert, der Galerieraum als akustischer Raum erfahren – flüchtig und doch gegenwärtig. Darüber hinaus schärfen die Raumzeichnungen den Blick für Ausmaß und Proportionen des gebauten Raums sowie für Details der Heizungsrohre, Tür- und Fensterrahmen, Bodenbeläge oder Unebenheiten der Wandoberfläche, die Bark im vermeintlich reinen White Cube als gegeben akzeptiert. Sie stören nicht, vielmehr haben wir erst durch die künstlerische Arbeit den Architekturraum sehen und erfahren gelernt und sind sensibilisiert, Strukturen im Alltag anders wahrzunehmen.

Raumerkundungen führen Carola Bark auch in öffentliche Räume der Stadt. Mit vorgefertigten Streifen aus Klebefolie und der Kamera macht sie sich für potentielle Interventionen an meist abseitigen, transitorischen Orten auf, die sie anschließend fotografisch dokumentiert. Der spontane Eingriff an einem Brunnenrand (Halle-Neustadt, 2002) stellt eine dezente, subtile Paraphrase der Umgebung dar, die ihre Spannung aus der ephemeren äußeren Erscheinung und gezielten zeichnerischen Setzung bezieht. Eine einfache horizontale Linie über die gesamte Länge der Hauswand (Berlin-Adlershof 2002) verändert den Blick auf den Ort und hinterlässt auch in der Wahrnehmung der Passanten ihre Spuren.

Geschultes Auge, zeichnerische Präzision und subtiler Humor der Künstlerin faszinieren in den Interventionen im Stadtraum wie in ihren Papier- und Raumzeichnungen. Carola Barks Arbeiten zeichnen sich durch Bescheidenheit der Mittel, technische Souveränität und spielerische Experimentierfreude aus, wie es zusammen vielleicht am deutlichsten im Medium der Zeichnung aufzuscheinen vermag.

In jüngster Zeit entstanden architektonische Entwurfszeichnungen, in denen Bark Raumzeichnungen im Atelier aus farbigem Knopflochgarn, welches durch das Papier gezogen wird, projektiert. Solche Bindfadenbilder kommen der Architekturzeichnung am nächsten. Sie sind gleichsam Papierarchitekturen, sofern bei ihrer Realisierung die Schnüre den in der Zeichnung perspektivisch angedeuteten Atelierraum in seinen gebauten Dimensionen sprengen würden. So bleiben sie auf dem Papier entworfene Phantasie- und Denkräume.

Caroline Philipp

Berlin, Juli 2007